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Anarchistische Ideen in der Kunst der Moderne
>> Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so gut gefällt?
Ein jeder lebt nach seinem Sinn, das ist nun also auch mein Gewinn!
Ich laß' einem jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben. ...
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Anarchistische Ideen in der Kunst der Moderne
>> Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so gut gefällt?
Ein jeder lebt nach seinem Sinn, das ist nun also auch mein Gewinn!
Ich laß' einem jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben. <<
Johann Wolfgang v. Goethe
Anarchismus und Avantgardekunst gehen in der Moderne eine enge Verbindung ein. Künstler wie Courbet, Signac, Picasso und Baader fassen stilistische Radikalität als ästhetische Entsprechung zum Anliegen des Anarchismus auf und ermöglichen so einen neuen Blick auf die Moderne.
Der Begriff "Anarchie":
Das Wort "Anarchie" stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Silben "an archia" zusammen. Er bezeichnet seit der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. u. Z. einen Gesellschaftszustand ohne Herrschaft, also eine Abwesenheit von Macht und Hierarchie. Gleichzeitig wird mit einer Nicht - Herrschaft Worte wie 'Zügellosigkeit, Unordnung, Gesetzlosigkeit' verbunden, womit die eigentliche Wortbedeutung völlig verloren geht. Für Immanuel Kant bedeutet Anarchie kurz und bündig "Gesetz und Freiheit ohne Gewalt", wobei der Begriff 'Gesetz' nicht das Bürgerliche Gesetzbuch, sondern die Gesamtheit sozialer Regeln darstellt. Ähnlich begreift Pierre - Joseph Proudhon Staat und Regierung als Unruhestifter und ständige Produzenten von Ungerechtigkeit und Armut. An Stelle des Staates wollen Anarchisten eine freie Gesellschaft der Gleichberechtigung setzen, in der es keine Herrschaft mehr von Menschen über Menschen gibt. Die Mitglieder einer solchen Gesellschaft sollen ermutigt werden, ihre Bedürfnisse ohne Hierarchie und Bevormundung selbst in die Hand zu nehmen. Autoritärer Zentralismus soll ersetzt werden durch dezentrale Vernetzung kleiner gesellschaftlicher Einheiten. An der parlamentarischen Demokratie kritisieren die Anarchisten, dass sie den Menschen die Illusion vermittelt, etwas zu entscheiden, wo doch schon alles Wesentliche entschieden ist. Ebenso scharf wird der Kommunismus abgelehnt. Der Schizophrenie, das irgendwann einmal aus einer Diktatur und sei es sogar eine Diktatur des Proletariats, einmal Freiheit erwachsen könne, konnten sie nicht folgen. So saßen Anarchisten, wahlweise als Unordnung verbreitende Terroristen oder als kleinbürgerliche Chaoten und Linksabweichler verunglimpft seit jeher zwischen allen Stühlen.
Anarchistische Kunst?
Anarchistische Kunst als eigenständige Stilrichtung hat es sicher nie gegeben. Das wäre auch paradox. Dennoch existiert ein enger Zusammenhang zwischen Anarchismus und Kunst. Zahlreiche Gruppen, Stile und kulturelle Bewegungen wurden vom Anarchismus geprägt. Bis heute wird kaum beachtet, dass sehr viele Künstler der Moderne (u.a. Gustave Courbet) anarchistische Ideen in einer Vielzahl ihrer Kunstwerke einfließen ließen. Viele Künstler des 19./20.Jh. wandten sich gegen akademische Traditionen. Sie lehnten sich gegen überkommene, veränderungswürdige Lebensformen und einen von Galeristen und Kunstkritikern geprägten elitären Kunstbegriff auf. In ihren Werken verkörperten sie ihre Hoffnungen und Wünsche jenseits der in Politik und Alltag vorhandener Zweckrationalität. Neben Kreativität und Spontaneität gehörten für viele Künstler auch Unabhängigkeit und künstlerische und damit auch individuelle Freiheit nicht nur zur Kunst, sondern auch zum Leben. Eine grundlegende Verbindung zwischen Künstlern mit anarchistischen Ideen, Pablo Picasso, Carlo Carrà2, einigen Vertretern des Dadaismus bis zu Künstlern der heutigen Zeit, ist die Auflehnung gegen das politische System. Künstler der verschiedensten Strömungen trafen für gemeinsame Arbeiten an Zeitungen, Plakaten und Bildern zusammen. Künstler zeichneten Satiren oder andere Bilder z.B. für die französische anarchistische Zeitschrift 'La Révolte', welche über politische Verhältnisse aufklärte.
Paul Signac1, Leser der 'La Révolte', malte 1891 das Titelbild für die Zeitung 'Les Hommes d'Aujourd'hui'. Auf diesem Bild stellte er Maximilien Luce sitzend dar, vertieft in eine Zeitung Namens "La Révolte". Pablo Picasso erwähnte einmal Paul Signacs Feststellung, dass ein anarchistischer Maler nicht unbedingt anarchistische Propagandabilder malen müsse um diese Philosophie zu vertreten. Da der anarchistische Gehalt vieler Bilder nicht sofort ersichtlich ist, soll dies an einigen ausgewählten Beispielen erläutert werden
Das Atelierbild von Gustav Courbet
Gusrave Courbet war ein französischer Landschafts- Genre- und Porträtmaler. Er wurde 1819 in Ornans geboren und gilt als Begründer des Realismus in der neueren französischen Malerei. Bis zur Februarrevolution 1849 wurde ihm der Zugang zu Ausstellungsmöglichkeiten verwehrt. Trotz einer an ihn 1849 für das Bild "Nachmittag in Ornans" verliehener Auszeichnung, lehnte ihn die Pariser Kunstszene ab. Die Gründe liegen in seiner schonungslosen, oft in dunklen und schweren Farben gehaltenen Malweise, die einer Missachtung der geltenden akademischen Regeln gleichkam. Nach einigen Jahren in Südfrankreich kehrt er 1855 nach Paris zurück, um mit seinem Bild "Das Atelier", eine Gegenausstellung zur öffentlichen Pariser Weltausstellung zu inszenieren. Gustave Courbet starb am 31.12. 1877.
Auf dem Bild " Das Atelier" zeigt sich Gustav Courbet selbst bei der Arbeit an einem Landschaftsbild. Courbet selbst sagt zu seinem Werk: "Das Bild teilt sich in zwei Hälften. Ich sitze malend in der Mitte. Zur rechten Hälfte befinden sich die Freunde, die Mitarbeiter, die Liebhaber der Kunst. Zur Linken die Welt des gewöhnlichen Lebens, die Armut, der Reichtum, die Ausgebeuteten, die
Ausbeuter."
Zum Verständnis des Bildes ist es wichtig, einige der dargestellten Figuren zu identifizieren und ihre Bedeutung für den Maler näher zu beleuchten.
" Das Atelier" (1855, Paris, Musée National du Louvre)
Das Atelierbild enthält eine Vielzahl tiefgründiger, stilistischer Anspielungen zum Anarchismus. Einerseits durch die dargestellten Figuren, aber auch durch bestimmte malerische Techniken. Speziell die Darstellung der Figuren und Gliederung einzelner Elemente können als künstlerische Umsetzung der Ideen des Begründers des modernen Anarchismus - Pierre-Joseph Proudhon - verstanden werden. Proudhon befindet sich auf dem Bild in der mittleren Raumzone neben dem Schriftsteller Max Buchon und dem Musiker Alphonse Promayet.
Proudhon (1809 - 1863), ist in Frankreich berühmt seit seiner 1840 erschienenen Schrift "Was ist Eigentum?" ,in der er dieselbige Frage noch in der Einleitung mit der Formel:
"Eigentum = Diebstahl" beantwortet. Im Gegensatz zur Idee von Karl Marx, eines autoritäreren Sozialismus unter der Diktatur des Proletariats, vertritt er die Vision einer Gesellschaft, die aus einer Förderation unabhängiger Kommunen aufgebaut ist. Eine föderative, von unten nach oben organisierte Gesellschaft garantiert für Proudhon am ehesten die Selbstverwirklichung des Individuums. Mit Proudhons Aussage: "Ich bin Anarchist", bekennt sich zum ersten Mal in der Geschichte eine Persönlichkeit offen, zum bis dahin diffamierend verwendeten Begriff "Anarchie".
Proudhon und Courbet verband viele Jahre eine enge Freundschaft.
Es gibt in der Kunsttheorie drei Interpretationsmöglichkeiten zum Atelierbild:
1. Die politische Ebene. Das Bild als Beschreibung und Kommentar zur gesellschaftlichen Situation.
2. Bei der Interpretation auf persönlicher Ebene spielen die von Courbet als Kränkung erfahrene Behandlung durch den Kaiser eine Rolle.
3. Die innerkünstlerische Erklärungstheorie interpretiert das Atelierbild als Herausarbeitung von Courbets Position als Vertreter des Realismus.
Zwischen diesen Ebenen jedoch dient der Anarchismus als verbindendes Element, das den unterschiedlichen Argumentationsebenen Courbets eine gemeinsame, inhaltliche Stoßrichtung verleiht.
Was aber haben Proudhons Ansichten und der Anarchismus mit dem Atelierbild zu tun?
Courbet - in einer Presserezension als "Proudhon der Malerei" bezeichnet - setzt Proudhons politische Philosophie im Atelierbild konsequent um. Dies soll an nur einem, von Vielen Beispielen erläutert werden.
Proudhon entwickelt seine Ideen aus der Gegenüberstellung zweier Gesellschaftssysteme. Einerseits die auf Eigentum beruhende Gesellschaft, in der das "Recht des Stärkeren und das Recht der List" zählen - andererseits die für ihn notwendige Überwindung dieser Ordnung.
"Die höchste Vollkommenheit der Gesellschaft findet sich in der Vereinigung von Ordnung und Anarchie". "Das Eigentum und das Königtum gehen seit der Erschaffung der Welt ihrem Untergang entgegen: Wie der Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft die Ordnung in der Anarchie". Diese Freiheitsordnung soll sichergestellt werden durch folgende Prinzipien: die "Gleichheit der Bedingungen", die "gegenseitige Unabhängigkeit der Individuen" und das "Gesetz, das sich auf die Wissenschaft der Tatsachen stützt".
Von dieser Konzeption ausgehend, lässt sich die Zweiteilung des Atelierbildes so interpretieren, dass in der linken Hälfte "das Eigentum und das Königtum" (z.B.: Napoleon) noch existieren und die Gesellschaft in zwei Hälften spalten, die rechte Bildhälfte bereits den Vorgriff auf die anarchistische Ordnung darstellt.
Unabhängige Individuen verfolgen das Ziel des Realismus, der als eine "Wissenschaft der Tatsachen" aufgefasst wird. Der dualistischen Sicht Proudhons entsprechend, setzt Courbet zwei Ausprägungen des gesellschaftlichen Lebens ins Bild. In der rechten Hälfte wird das gleichgesinnte Miteinander vorgeführt. Die Anwesenheit Proudhons kann als Vorgriff auf die angestrebte neue Ordnung interpretiert werden. Hier dominieren geistige Kräfte, aufnahmebereites Schauen und zärtliche Liebe. In der rechten Bildhälfte befinden sich Courbets Freunde, wie Charles Baudelaire für dessen Zeitschrift "Le Salut Public" er in den Tagen der Revolution ein Titelblatt mit Barrikadenszene malte. Hinter Baudelaire befindet sich ein schwarzer Spiegel. Der Spiegel als Synonym für Selbsterkenntnis bleibt blind. Ein Bezug auf Baudelaires Rückzug in die Innerlichkeit als Folge der "niederschmetternden Wirkung", die die blutige Niederschlagung der Aufstände gegen Louis-Napoleon auf den Schriftsteller hatte
In der linken Bildhälfte sind diejenigen Kräfte präsent, die die Gesellschaft in Arme und Reiche spaltet. ,Hier erkennt der Betrachter den Kaiser. Seine Ablehnung gegenüber des höchsten Repräsentanten des Staates illustriert der Maler unter anderem durch den gegen den Kaiser gerichteten Pinsel. Die Zuordnung Bakunins zur linken Bildhälfte illustriert den Richtungsstreit innerhalb der anarchistischen Bewegung, der sich hauptsächlich an der Frage nach Gewaltanwendung fixieren lässt, die Bakunin befürwortet, Proudhon aber ablehnt. Es existieren, wie schon erwähnt sehr zahlreiche weitere und deutlichere Bezugspunkte und Parallelen zum Anarchismus. Leider können diese hier nicht erwähnt werden, da das dazu nötige Hintergrundwissen den Umfang dieser Arbeit sprengen würde.
Pablo Picasso, "Anarchistenversammlung"1897
Pablo Picasso, französischer Maler und Bildhauer spanischer Herkunft, wurde 1881 geboren und hatte große Wirkung auf die Entwicklung der modernen Kunst. Er begründete nach seiner melancholischen "Blauen Periode" und der "Rosa Periode" mit Georges Braque1 den Kubismus. Picasso hatte seit seiner Jugend in Barcelona Kontakt zu Anarchisten. Bereits als Sechzehnjähriger veröffentlichte er in der Zeitschrift "Blanco y Negro" die Zeichnung einer anarchistischen Versammlung, in der bärtige Pfeifenraucher mit geflickten Hosen und Arbeitermützen eine Menge bilden. Im Vordergrund diskutieren zwei sich gegenüberstehende Männer und hinter der Ansammlung erscheint erhöht ein Mann, der anfeuernd seine Arme in die Luft wirft.
"Anarchistenversammlung", 1897 "Freundeskreis", 1901
1900 entstand in Paris eine ähnliche Darstellung, doch diesmal mit Personen seines engen Freundeskreises, zu dem u.a. der spanische Anarchist Jaume Brossa zählte. Die Figurenansammlung stimmt fast vollkommen mit der Gruppe der "Anarchistenversammlung" überein, nur sind es diesmal Picasso und seine Künstlerfreunde, die sich auf einem Hügel in verschwörerischer Pose gefallen und Picasso tritt an die Stelle des Wortführers der Anarchisten.
Paul Signac "im Zeitalter der Harmonie" (1893 - 95)
Paul Signac wurde 1863 geboren und starb 1935. Er war ein französischer Maler und Graphiker gilt als Vertreter des Neoimpressionismus und des Pointillismus.
Als Signac zwei Jahre nach Georges Seurats Tod mit der Arbeit an seinem Programmbild "Im Zeitalter der Anarchie" beginnt, konzipiert er ein Gegenstück zu Seurats Gemälde "Ein Sommernachmittag auf der Grande Jatte" (1884 - 86). Signac erklärt in einem Artikel in der Zeitschrift "La Révolte", dass er Seurat für den Maler der "Wiedergabe der dekadenten Vergnügungen" der bürgerlich - kapitalistischen Welt hält. In der Bildanlage folgt er Seurats kompositionellen Vorgaben, indem er den Vordergrund gleichermaßen verschattet und auch die Aufteilung von Wasser und Landschaft genauso übernimmt. Jedoch sind die Figuren Signacs denen Seurats entgegengesetzt.
Der zeitgenössischen Mode der nach hinten gebauschten Kleider, ein Zeichen bürgerlicher Dekadenz, stellt Signac seine Personen in einfachen und praktischen Kleidungsstücken gegenüber. An die Stelle des Äffchens an der Leine, das die vordere Frauenfigur bei Seurat als Prostituierte ausweist, treten bei Signac Henne und Hahn als Bestandteile des natürlichen Landlebens und als Motiv des Liebenswerten.
Seurat verzichtet darauf, bei weiter entfernten Figuren die Gesichter zu differenzieren, während Signac auch den im Mittelgrund platzierten Personen einfache Gesichtszüge verleiht. Er bemüht sich, die Figuren in einen Zusammenhang einzubinden, der die gemeinsamen Interessen und ihren Zusammenhalt
ausdrückt. Bei Seurat allerdings werden Statik, "Ein Sommernachmittag auf der Grande Jatte", 1884 - 1886
Vereinzelung und Kommunikationslosigkeit betont.
Die Boulespieler Signacs könnten als anarchistische Bombenleger assoziiert werden, die ihre explosiven Kugeln in die Welt der "Grande Jatte" hinüberwerfen. Das Todessymbol Mohn links unten als Blume, die auf dem Grab des bereits mit dem Spaten beerdigten Kapitalismus wächst; das Blumenstück in der Mitte als Zeichen der Überwindung und des Neubeginns, wobei die Schwertlilien nicht nur als Sinnbild für die Vergebung der Sünden stehen, sondern wie der gallische Hahn rechts nationale zusätzliche Assoziationen tragen. Alle Motive sind nicht ohne Bedeutung, sondern lassen sich direkt auf das vorletzte Kapitel des Buches " Die Eroberung des Brotes" von Peter Kropotkin1 beziehen. Peter Kropotkin ist Sprössling einer russischen Fürstenfamilie und neben Bakunin der wichtigste Vertreter des russischen Anarchismus.
Signac: "Frankreich kann zum Paradies umgewandelt werden, wenn das bei Seurat vorgeführte gegenwärtige Gesellschaftssystem durch die Ordnung der Anarchie ersetzt wird." "Im Zeitalter der Harmonie", 1893 - 1895
Quellen: Dieter Scholz "Pinsel und Dolch - Anarchistische Ideen in Kunst und Kunsttheorie 1840 - 1920" , Reimer - Verlag 1999
Horst Stowasser "Freiheit pur", Eichborn - Verlag 1995
Microsoft Encarta 1999
Bertelsmann - Lexikon, 1998
Herbert Read "Kunst, Kultur und Anarchie", Trotzdem - Verlag 1991
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